Skip to main content

Eine lehrreiche Begegnung an der Bushaltestelle

Bushaltestellen sind ein hervorragender Ort, an dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen. Ich durfte neulich eine Person kennenlernen, die mich sehr inspiriert hat.

Ich ging nach einer Vorlesung zur nächstgelegenen Bushaltestelle und setzte mich auf eine Bank, um auf meinem Handy eine Nachricht zu tippen. Es war kalt und ungemütlich draußen- die Abenddämmerung setzte bald ein.

Ich war mit meinem Handy beschäftigt, als ich aus dem Augenwinkel einen Mann mit einem Kind im Arm und Einkaufstüten in der Hand in Richtung Bushaltestelle laufen sah. An der Haltestelle hielt gerade ein Bus. Kurz bevor der Mann ankam, schloss der Busfahrer die Türen und öffnete sie auch nicht mehr als der Mann dem Busfahrer zuwinkte und ihn bat, die Türen noch einmal zu öffnen. Als ich aufschaute, war der Bus bereits losgefahren. Ich schaute zu dem Mann und seiner kleinen Tochter.

„Der Busfahrer hat gesehen, dass ich meine Tochter auf dem Arm habe und mich trotzdem nicht reingelassen…“, murmelte er mit enttäuschter und verärgerter Miene.

Es tat mir sehr leid für den Mann und seine kleine Tochter, die nicht älter als vier war. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich mit meinem Handy beschäftigt war und nicht eingeschritten bin.

Der Mann schaute auf den Fahrplan und stellte fest, dass der nächste Bus in seine Stadt erst in 30 Minuten kam. Er seufzte leise, lächelte seine Tochter an und setzte sie und die Einkaufstüten behutsam ab. Er begann trotz der unerfreulichen Umstände mit ihr zu spielen und zu lachen.

Wir kamen ins Gespräch und er erzählte, dass er solche Situationen bereits öfters erlebt hat. Ich wusste, wovon er sprach und äußerte meinen Unmut darüber, dass so etwas in Deutschland bis heute noch passiert. Ich fragte ihn, was er an der Uni studiere bzw. ob er an der Uni arbeite. Er erzählte mir, dass er nicht studiere und lediglich seine Tochter vom universitätseigenen Kindergarten abholte. Sie ist dort angemeldet, da es in keinem anderen Kindergarten in der Nähe einen Platz für sie gab. Mit seiner Familie ist er vor drei Jahren von Ghana nach Deutschland gekommen, um seine Familie angemessen ernähren zu können und seiner Tochter eine gute Bildung zu ermöglichen. In seiner Heimatregion sei es so gut wie unmöglich, ohne Beziehungen einen ausreichend gut bezahlten Job zu bekommen.

Aber auch hier in Deutschland ist für ihn und seine Familie das Leben alles andere als einfach: Das Erlernen der neuen Sprache, die unendlich vielen Bewerbungen für eine Arbeit und eine völlig ungewohnte Umgebung sind Aspekte, die viel Kraft kosten. Seiner Familie zuliebe ist er jedoch sehr fest entschlossen, dies alles zu bewerkstelligen und ein unabhängiges Leben in Deutschland zu beginnen.

Sein Wille und seine Entschlossenheit, diese Mühen auf sich zu nehmen, um für seine Familie zu sorgen, haben mich tief beeindruckt. Es muss nicht leicht sein, die eigene Heimat zu verlassen und in einem fremden Land einen Neustart zu wagen. Und sich vor allem dann, wenn man angekommen ist, nicht auf der angebotenen Hilfeleistung auszuruhen, sondern aktiv dafür zu sorgen, ein eigens erarbeitetes Einkommen zu haben.

Vor allem beeindruckt hat mich aber das Auftreten dieses Mannes. Trotz des frustrierenden Ereignisses mit dem Bus war er sehr gelassen und freundlich. Ich wäre in solch einer Situation  angesichts solch einer Ungerechtigkeit vermutlich äußerst aufgebracht gewesen und hätte mich noch Tage später über solch eine Dreistigkeit geärgert. Der Mann begegnete dem Ganzen jedoch mit einer unglaublichen Sanftmütigkeit und Gelassenheit, die mich sehr inspiriert hat. Für ihn war das Thema nach gefühlt einer halben Minute gegessen und er begann, mit seiner Tochter zu spielen. Es war sehr schön mit anzusehen, wie liebevoll er sich um seine Tochter kümmerte. Und ebenso schön war das Gespräch, das wir aus dem Nichts heraus begonnen hatten.

Ich konnte aus dieser kurzen Begegnung viel über Liebe, Verzeihen, Fleiß und Geduld lernen. Denn all dies benötigt man in großen Mengen, um so wie dieser Vater zu handeln. Dieser mir fremde Mann wurde für mich in diesem Augenblick zu einem Vorbild der Menschlichkeit. Höchstwahrscheinlich wird er sich dessen überhaupt nicht bewusst sein und mich bei einer zweiten Begegnung nicht wiedererkennen; aber sein denkwürdiges Auftreten wird mir für immer in Erinnerung bleiben.

Aufgrund solcher Erlebnisse glaube ich immer fester daran, dass der Einzelne eine wundervolle, faszinierende Macht mit sich trägt: Er kann sein Umfeld inspirieren- und das sowohl bewusst als auch unbewusst. Inspiration geschieht an jeder Ecke und zu jeder Zeit! Man muss nur sein Herz öffnen und dem Anderen einen Teil seiner Aufmerksamkeit schenken.

Bald kam mein Bus und ich verabschiedete mich von den beiden und wünschte ihnen viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.