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Mahnwache gegen Rassismus: Erfahrungsbericht

24.3.2019. Das Massaker in Neuseeland ist nun schon mehr als eine Woche her. Viele Demos, Kundgebungen und Mahnwachen fanden in den letzten Tagen statt, um anlässlich des Terrorakts in Neuseeland auf (antimuslimischen) Rassismus aufmerksam zu machen und ge.meinsam ein Zeichen zu setzen.

So veranstalteten auch meine Mutter und ich gestern eine Mahnwache in der Innenstadt, um auf den immer stärker werdenden Hass gegen Gruppen verschiedenster Art aufmerksam zu machen. Wir erstellten ein kleines Mahnmal, das aus einem Gebetsteppich und den Bildern der Verstorbenen bestand. Wir hängten Plakate auf und legten Kerzen zu den Bildern der Opfer. Auch ein paar Rosen hatten wir mitgebracht. Interessierte hatten zudem die Möglichkeit, einen Kommentar zu schreiben und zu den Bildern zu legen.

Auch wenn nahezu keine Person der Kundgebung zu Beginn beiwohnte, waren es vor allem jene Menschen, die beim Vorbeigehen stehenblieben und dem Ganzen Leben verliehen. Viele Passanten schauten sich betroffen die Bilder der Verstorbenen an und schrieben persönliche Kommentare, die sie neben die Bilder der Opfer und auf den Gebetsteppich legten. Einige führten lange Gespräche mit uns und andere hoben anerkennend den Daumen. Ein jüdischer Mitbürger blieb sehr lange bei uns und erklärte, dass auch das arabische Volk semitisch sei und dass er unter Antisemitismus auch antimuslimischen Hass verstehe. Ein junges Paar, nicht älter als 20, bedankte sich bei uns für die schöne Aktion und kam nach ein paar Minuten mit einem Strauß Rosen zurück, die sie um die Bilder der Opfer verteilten. Auch uns beiden schenkten sie eine Rose. Ein älterer Herr, der sich nicht mehr gut bewegen konnte, machte sich trotz seiner Verfassung die Mühe, in langsamen Schritten zu dem Platz zu gehen, an dem wir Pappe und Stifte für die Kommentare zur Verfügung gestellt hatten, sich zu bücken, nach Stift und Papier zu greifen und seinen Kommentar aufzuschreiben. Wir bedankten uns bei ihm und er lächelte strahlend zurück und verabschiedete sich. Einige wollten für die Opfer spenden.

Ein Mann, der mit seiner Tochter in der Stadt unterwegs war, schaute sich für eine lange Zeit Bild für Bild an und schien sehr betroffen, sehr nachdenklich. Schließlich verlas er im Stillen die Fatiha (eine Sure aus dem Koran, die Muslime rezitieren, wenn jemand verstorben ist) und bat auch seine Tochter darum, sie zu verlesen. Mit Tränen in den Augen sprach er seiner Tochter Satz für Satz vor, um noch eine Weile stehen zu bleiben und dann, endgültig aus tiefstem Herzen weinend, mit seiner Tochter zu gehen.

All diese Erlebnisse trugen so viel Liebe, Trauer und Intensivität in sich. Bis jetzt habe ich das ergreifende Bild des weinenden Mannes vor Augen. Bis jetzt denke ich daran, dass viele sagten, dass sie gerne auch solch eine Aktion starten wollten, aber sich nicht trauten.

Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Egal, wieviele Menschen letztendlich kommen und deine Aktion sehen, trau dich und werde laut! Es ist höchste Zeit, dass wir Menschen unsere Stimme erheben, ein Zeichen setzen und mit anderen ins Gespräch kommen. Und auch wenn niemand vor dir steht und sich für das, was dir wichtig ist, interessiert: Es geht ums Prinzip. Es geht um deine Werte und um Dinge, die die Welt in höchstem Maße belangen. Sei du die Person, die in ihrem Umfeld den Unterschied zwischen Reden und Handeln ausmacht. Sei du die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst.

Anbei die schönsten Kommentare, die hinterlassen wurden:

„Terrorismus hat keine Religion.“

„Schweigst Du? Dann hast Du auch Schuld!“

„Kein Rassismus, sondern bunte Vielfalt!“

„Wir sind alle MENSCHEN, also handeln wir MENSCHLICH. Mit Respekt und Liebe.“

„Wir sind die Menschlichkeit. Wir sind alle gleich.“

„Deine Herkunft kannst du nicht bestimmen. Deinen Hass schon.“

„Stoppt Rassismus und Antisemitismus.“

„Hello Brother.“

„Rassismus hat nichts im 21. Jahrhundert zu suchen!“

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